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Dom zu Lübeck 15. August 2020 – Psalm 139,1-18
Predigt: Bärbel Reichelt, Theologin und Stationsleiterin der Deutschen Seemannsmission in Lübeck


Liebe Gemeinde,

nähme ich Flügel der Morgenröte
und bliebe am äußersten Meer,
so würde auch dort deine Hand mich führen
und deine Rechte mich halten.


Seeleute kennen das, dass hinter dem Horizont jemand auf sie wartet. Auf den Philippinen, in Indonesien und China, in Russland und der Ukraine, in Finnland, Estland und Lettland. Und manchmal in Deutschland. Sie haben ihre Familien dort zurückgelassen. Ihre Kinder, ihre Frauen, ihre Eltern und Verwandten. Ihre Freunde. Manche, um sich einen großen Berufstraum zu erfüllen. Viele, um Geld für ihre Familien und oft die ganze Verwandtschaft zu verdienen. Dafür sind sie wochen-, oft monatelang auf dem Meer unterwegs. 


Seeleute kennen das, dass hinter dem Horizont jemand auf sie wartet. Sie wissen sich getragen, von der Liebe ihrer Familie und Freunde. Und sie schicken ihre Gedanken dorthin. Doch es ist nicht immer einfach, Kontakt zu halten. Auf dem Meer gibt es kein Internet. Und im Hafen ist mit Be- und Entladen, mit Reparaturen und der Aufnahme von Proviant die stressigste Zeit. Oft kommt die Zeitverschiebung noch hinzu. Da sind die Telefonate mit der Familie kostbare Momente. Auf dem Display ihres Smartphones sehen die Seeleute ihre Familie. Sie erfahren von den Kleinigkeiten des Alltags. Was die Kinder gerade gespielt haben. Was für das Wochenende geplant ist. Sie hören aber auch von der Krankheit eines Verwandten. Vom Sturm, der das Haus schwer beschädigt hat.

Seeleute sind dabei, und sind doch nicht dabei. „Das Schwerste ist es, so lange und so weit von der Familie getrennt zu sein“, hat mir ein Seemann von den Kapverden geschrieben. Das schmerzt. 

Seeleute fühlen sich oft ohnmächtig. Sie können nicht da sein. Nicht helfen. Niemanden tröstend in den Arm nehmen. Und sie fühlen sich einsam. Sie sind nicht dabei in den schönen Momenten des Lebens. Bei der Einschulung des Kindes, bei der Hochzeit eines Freundes. Es gibt keinen Kuss der Ehefrau – oft über Monate hinweg. Das Lachen der Tochter, des Sohnes kommt über das Internet.


Ein Seemann hat mir erzählt, dass er von den 25 Jahren, die er arbeitet, vielleicht fünf Jahre zu Hause verbracht hat. Den Rest war er an Bord. Inmitten von Stahl und Lärm. Irgendwo auf den Meeren dieser Welt.


Seeleute zählen die Tage, bis ihr Vertrag endet. „Ich fahre bald nach Hause“, ist oft das erste, was sie mir schon von weitem zurufen, wenn ich an Bord komme. Und wenn ich dann frage, wann ist bald, kann es auch in sechs Wochen sein. Für sie ist es schon ganz nah. Nach Hause. Zu denen, die sie lieben. Die sie so lange nicht gesehen haben. Deren Nähe sie eine Ewigkeit nicht gespürt haben. Die gewartet haben auf sie, dort hinter dem Horizont.


Und dann kam Corona. – Wochenlang durften die Seeleute nicht von Bord. Waren sie eingesperrt auf den Schiffen. Mussten sie es mit einander aushalten auf engstem Raum. Die ersehnte Fahrt nach Hause – aussichtslos. Auf unbestimmte Zeit verschoben. Ich kenne Seeleute, die seit zwölf Monaten durcharbeiten und noch immer nicht wissen, wann sie nach Hause können. Dazu die Sorgen um die Gesundheit der Familie, die inzwischen zum Glück ein bisschen weniger geworden sind. All das drückt auf Herz und Hirn.


Doch wo sollen die Seeleute hin mit diesen Gedanken und Gefühlen? An Bord kann es sehr einsam sein, erzählen sie mir. Vor allem, wenn du der einzige aus deinem Land bist. Die Crews sind international. Immer wieder neu zusammengewürfelt, so wie es die Verträge hergeben. Seeleute sind eine Arbeitsgemeinschaft auf Zeit. Mit wem soll man da sprechen? Sorgen, Nöte, Ängste und Freuden teilen? Wem erzählen, wie es einem selber an Bord geht? Da ist die Sehnsucht, dass da jemand ist, der sie sieht. Der sie in ihrer verborgenen Welt wahrnimmt. Der sie anblickt. Sie fragt, wie es ihnen geht.


Durch die Arbeit bei der Seemannsmission und durch die strengen Beschränkungen durch die Corona-Pandemie ist mir sehr deutlich geworden, wie wichtig, die kleinen Dinge sind. Für die Seeleute sind es die Gespräche mit einem der Ehrenamtlichen (einige sind heute hier) oder mit mir. Oft dauern sie nicht lang. Nur wenige Minuten. Und doch sehe ich am Strahlen ihrer Gesichter, dass es wichtig war. Dass sie es mitnehmen in den Tag und dass es sie trägt. Jetzt zu Corona-Zeiten ist es oft nur ein gewinkter Gruß oder die in Zeichensprache gestellte Frage: Wie geht es dir? Denn wir dürfen nicht an Bord. Und wenn ich dann manchmal sage: Ich habe doch noch gar nichts gemacht. Sagen sie: Aber du kommst.


Aber du kommst. Viele von Ihnen könnten jetzt sicher Beispiele nennen, wo jemand in den letzten Wochen gekommen ist und Freude oder Trost gebracht hat. Vielleicht mit einer ausgedruckten Predigt in der Hand. Vielleicht mit einer Einkaufstasche voller Lebensmittel. Vielleicht auf indirektem Weg in einem Telefongespräch. Hoffnungssteine wurden verschenkt. Komplimente verteilt. Mutmachlieder auf der Straße gesungen. Konfirmanden haben Briefe geschrieben an ältere Menschen und vor einiger Zeit auch an Seeleute. Ein kleiner Schatz. Sie von der Domwache haben mir zugehört und die Seeleute stolz gemacht, als ich ihnen davon erzählt habe.


Letztlich geht es zutiefst darum, gesehen zu werden – in meiner Not und in meiner Einsamkeit, in meiner Freude und in meinem Glück. Das ist mir in den letzten Wochen noch einmal sehr deutlich geworden. Wir alle brauchen Menschen an unserer Seite, die es gut mit uns meinen. Die sich Mühe geben, uns zu verstehen. Die uns nehmen, wie wir sind. Die uns lieben.


Und dennoch bleibt da oft diese Sehnsucht nach einem ganz tiefen, umfassenden Verstehen. Der Psalm-Beter kennt diese Sehnsucht und richtet sie an Gott:
Herr, du erforschest mich
und du kennest mich.
           Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;
           du verstehst meine Gedanken von ferne.
Ich gehe oder liege, so bist du um mich
und siehst alle meine Wege.
           Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,
           das du, Herr, nicht schon wüsstest.
Von allen Seiten umgibst du mich
und hältst deine Hand über mir.
           Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch,
ich kann sie nicht begreifen.

Die ersten Verse kennen Sie aus den alten Abendgottesdiensten mit Sündenbekenntnis. Aber wenn man weiterliest, wie ich eben, klingen auch die Verse davor ganz anders. Der Psalm-Beter jubelt es fast. Es ist Gott, der alles kennt. Und alles weiß. Und in seinen Händen hält. „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“ Es klingt nach großer Freude, überschwänglichem Glück und unfassbarem Staunen. Ich kann es nicht begreifen und dennoch ist es so.


Gott hat uns seine Nähe zugesagt. Das gilt von unserer Geburt an und noch davor. Dies ist dem Psalmbeter wichtig, denn er findet viele Worte dafür:


Du hast meine Nieren bereitet
und hast mich gebildet im Mutterleibe.


Deine Augen sahen mich
als ich noch nicht bereitet war.


Gott hat eine Geschichte mit uns. Und diese Geschichte beginnt schon vor unserer Geburt. Auch wenn es Momente gibt in unserem Leben, in denen uns diese Gewissheit und vielleicht auch nur die Ahnung davon wegrutscht, Gottes Geschichte mit uns hat längst begonnen.


Und diese Geschichte Gottes mit uns trägt durch Raum und Zeit. Er sieht uns. Er verliert uns nicht aus den Augen, wo wir auch sind, dessen ist sich der Psalm-Beter gewiss:


Führe ich gen Himmel, so bist du da;
bette ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.
            Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,
            so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.



Amen.

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Seemannsclub
"Sweder-Hoyer"

Öffnungszeiten:

Sonntag bis Dienstag und Donnerstag: 17h bis 21.30h

Telefon: 0451 - 39 99 106

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Der Seemannsclub „Sweder Hoyer“ besteht seit November 2010 – der Name erinnert an den ersten Seemannspastor in Lübeck, der sich bereits im 16. Jahrhundert der Seeleute annahm.
Unsere Räumlichkeiten bieten einen Treffpunkt für Seeleute aus aller Welt, an dem sie vom Alltag an Bord abschalten und sich mit Crewmitgliedern anderer Schiffe austauschen können.
Hier bietet das freundliche ehrenamtliche Team Seeleuten…
… Getränke, Snacks und Souvenirs
… freies WLAN und Internet
… preisgünstige Telefonate mit der Familie und Freunden
… Billard & Dart
… eine Gitarre zur Nutzung im Seemannsclub
… Bücher und Zeitschriften in verschiedenen Sprachen
… Geldwechsel
… Geldüberweisungen auf die Philippinen
… Gelegenheiten zum Gespräch mit Seeleuten und mit Team über „Gott und die Welt“
… kostenfreie Kleidung
Auf Wunsch holt das Team die Seeleute mit dem VW-Bus von ihren Schiffen ab und bringt sie abends wieder zurück.
Die Bilder zeigen einen Einblick in die Arbeit des Seemannsclubs.
Sie haben Interesse an einer ehremtlichen Mitarbeit? Mehr dazu erfahren Sie 
hier.

Autor: K. B.

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