Ein Mann, der fuhr zur See....
… und erlitt dort einen Herzinfarkt 

Fernandez 1 - Kopie1Heinz-Werner Stricker, ehrenamtlicher Mitarbeiter der Deutschen Seemannsmission in Lübeck e.V., beschreibt seine Erlebnisse und Erfahrungen, die er während der fast zwei Monate dauernden Betreuung des betroffenen Seemanns machte.
Im Juli diesen Jahres bekam ich einen Anruf vom Leiter der Lübecker Seemannsmission: Ob ich einen Krankenbesuch bei einem Filipino,
der gerade mit einem Herzinfarkt in das Universitätsklinikum in Lübeck eingeliefert wurde, übernehmen könne? Ich machte mich sofort auf den Weg in die Klinik.
Bei dem Besuch wollte ich dem Seemann ein wenig die Befürchtungen bezüglich seiner Bypass-Operation zu nehmen, die einige Tage später infolge seines Herzinfarktes stattfinden sollte. Er war bereits unterrichtet, dass er zukünftig nicht mehr zur See fahren könne. Seine Sorge, wie er nun seine Familie versorgen sollte, war in unserem Gespräch deutlich zu spüren.
Am Ende des Besuches stellte ich dem Seemann ein Prepaid-Handy der Seemannsmission mit genügend Guthaben leihweise zur Verfügung.
Der Agent des Schiffes des Seemanns hatte zwischenzeitlich herausgefunden, dass der Patient eine Schwester in Süddeutschland hatte. Als sie vom Agenten die Nachricht über den Herzinfarkt ihres Bruders bekam, kam sie sofort nach Lübeck.
Als wir uns einige Tage später im Krankenzimmer des Seemanns kennenlernten, fiel uns auf, dass seine persönlichen Sachen auf dem Schiff verblieben waren. So holte ich diese am nächsten Tag von Bord und sortierte sie später gemeinsam mit seiner Schwester im Seemannsclub.


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Wir packten das Nötigste für den Krankenhausaufenthalt des Seemanns in eine Tasche, um ihm diese beim nächsten Besuch mitzubringen. Die restlichen Utensilien schickte ich einige Tage später an die Schwester in Süddeutschland.
Den Kammerschlüssel des Seemanns reichte ich an den Agenten in Lübeck weiter, der diesen wieder an Bord brachte. Auch organisierte er zwischenzeitlich die nötigen Papiere für den Seemann, damit er ohne Visum in Deutschland bleiben könne.
Die Mitarbeiter der Seemannsmission, die sich fast täglich nach dem Befinden des Patienten erkundigten, standen in gutem Kontakt mit seiner Schwester. Diese informierte wiederum via Internet die Familie des Seemanns in der philippinischen Hauptstadt Manila über den Gesundheitszustand ihres Bruders.
Nach der Operation des Patienten freute ich mich über seine schnelle und gute Genesung und hoffte, dass er schon bald nach Manila zurück fliegen könne.
Doch es kam anders: Der Seemann hatte inzwischen die Rehabilitation in Bad Segeberg angetreten und zunächst alles war nach den Erwartungen der Ärzte gelaufen. Dann aber bekam der Patient drei Schlaganfälle innerhalb kurzer Zeit. Die durch die Klinik informierten Mitarbeiter der Seemannsmission machten sich sofort auf den Weg nach Bad Segeberg.
Im Gepäck waren wieder einige Aufladekarten für das am ersten Tag zur Verfügung gestellte Handy und ein Laptop, damit er mit seiner Familie auf den Philippinen skypen konnte. Die Freude war riesig!
Im Gespräch mit dem Seemann wurde klar, dass sein gesundheitlicher Rückschlag wohl einen längeren Aufenthalt in der Rehaklinik bedeuten würde als bisher erwartet.
Ab jetzt wechselten wir Mitarbeiter der Seemannsmission uns regelmäßig mit den Besuchen ab. Neben Besuchen von der Schwester des Seemanns und durch den Agenten wollte ich auch die Crew des Schiffes vom Seemann in die Betreuung mit einbeziehen.
Über das Internet informierte ich den Kapitän über die neue Situation seines bisherigen Bordkochs und bat ihn, beim nächsten Anlauf in Lübeck einige Crewmitglieder für den Besuch beim Seemann freizustellen. - Selbstverständlich, er werde selbst mit der Besatzung nach Bad Segeberg fahren, um dort den Seemann zu besuchen, war seine Antwort. Meine Freude war groß, dass sich ein Kapitän so um seine Besatzung kümmert.

 

Als ich einige Tage später wieder einmal beim Seemann zu Besuch war, wagte ich zu fragen, wie ihm das Essen gefällt. Ich konnte mir die Antwort schon denken … als Schiffskoch vermisste er das heimatliche Essen.
Ich bat den Koch eines kleinen sich in Travemünde befindlichen philippinischen Bistros, für das leibliche Wohl unseres kranken Seemanns zu sorgen und ein Gericht aus seiner Heimat zuzubereiten. Als ich nach dem Preis fragte, verneinte er.

Einen in Lübeck ansässig gewordenen Filipino, der den kranken Seemann am nächsten Tag mit vier philippinischen Frauen in Bad Segeberg besuchte und das Essen mitgenommen hatte, fragte ich, wie der Patient auf das heimatliche Essen reagiert hatte. Die Antwort erübrigte sich.


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Beim sich spontan anschließenden Besuch der fünf Lübecker Filipinos im Seemannsclub kam auch die Frage der Religion auf. Ich fragte, was wir für den Seemann unternehmen könnten, damit auch sein Glaube zu einer schnellen Genesung beitragen könne.
Am nächsten Tag fand ich vor der Tür des Seemannsclubs eine Tasche mit einer kleinen Marienstatue, ein Fläschchen Heilwasser aus Lourdes und eine Rosenholzkette mit einem Kreuz aus Jerusalem. Auch ein kleines Gebetsbuch, ein Lesezeichen in Form eines Jesusbildes mit rückseitigen biblischen Texten sowie eine Karte mit ein paar netten Zeilen für seine Gesundheit und den Beistand war dabei.
Als ich die Utensilien dem Seemann beim nächsten Besuch in Bad Segeberg übergab, konnte ich durch seine Reaktion bemerken, dass er für einen Moment lieber allein sein wollte.
Später erzählte mir der Seemann in einem Telefonat stolz, dass er sich zusätzlich noch eine Rose und eine Vase gekauft hatte.
Mit der Zeit stabilisierte sich der Gesundheitszustand des Seemanns und man konnte langsam über eine Entlassung aus der Klinik und über eine Heimkehr auf die Philippinen nachdenken.
Die Inspektion arrangierte schon bald einen Rückflug.


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Als der lang ersehnte Tag der Abreise kam, holte der Agent des Seemanns diesen früh morgens in Bad Segeberg ab und erledigte beim Bundesgrenzschutz die letzten Formalitäten und besorgte noch einige wichtige Medikamente. Zuletzt fuhren sie gemeinsam noch einmal auf das Schiff, auf dem der Seemann lange Zeit als Koch gearbeitet hatte und das an diesem Tag zufällig wieder an einem Kai im Lübecker Hafen lag. Hier konnte er sich noch einmal von seiner Crew verabschieden. Anschließend fuhr er mit einem Taxi zum Hamburger Flughafen.
Nach fast zwei Monaten Aufenthalt in norddeutschen Kliniken trat der Seemann nun endlich die Heimreise zurück in sein Heimatland und zurück zu seiner Familie an.
Die Reederei und der Agent in Manila sowie die Besatzung des Schiffes des Seemanns bedankten sich im Nachhinein recht herzlich für die gute Zusammenarbeit mit der Seemannsmission in Lübeck. Auch durch die Schwester des Seemanns kam uns viel Dankbarkeit für die Betreuung ihres Bruders entgegen. Er selbst bedankte sich einige Wochen nach seiner Rückkehr mit zwei Postkarten von den Philippinen sehr herzlich für die Unterstützung während seiner langen Krankenhausaufenthalte.
Durch die intensive und umfassende Betreuung des Seemanns fühlen wir Mitarbeiter der Seemannsmission uns in unsere Arbeit, bestätigt – ganz nach unserem Motto: Für die Würde der Seeleute.


Autoren: K.Bretschneider / W.Stricker